Eröffnungsrede zur Ausstellung "Alles, was Recht ist"

 

 

Helene Mitter

"Alles, was Recht ist"          

18.11.2011

Dr. Renate Miller-Gruber

Kunsthistorikerin

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Helene!

 

 

 

 

 

Es ist ein großes Glück und ein Erlebnis, den Weg einer Künstlerin wie Helene Mitter seit vielen Jahren begleiten zu dürfen, einerseits dem Menschen nahe sein, andererseits auch dessen Arbeit mit einer gewissen professionellen Distanz verfolgen zu können.

Helene Mitters erster Werkkomplex, den ich näher kennen lernte, waren ihre Bilder von schwäbischen Landschaften und Dörfern, eine Hommage an ihre Wahlheimat. Geboren in Siebenbürgen und ausgebildet zur Kunstpädagogin in Temeschburg, kam Helene 1982 nach Augsburg. Fasziniert von der kleinteiligen, wohlgeordneten neuen Umgebung, malte sie die hiesige Landschaft, erfasste sie deren charakteristischen Züge und Stimmungen, ohne bestimmte Orte zu beschreiben: Sie zeigte in Hügel eingebettete Dörfer, Kirchen mit Zwiebeltürmen, Felder und Wege, dies alles in einer sehr eigenen, kraftvollen Farbgebung, in spannungsreichen Kompositionen und einer intensiven malerischen Durcharbeitung.

Waren diese Landschaften beseelt, ohne von Staffage bevölkert zu sein, so wandte sich Helene Mitter daneben explizit dem Figurenbild zu. Sie beobachtete ihre Mitmenschen messerscharf in ihrer Individualität, mit all ihren Schrullen und Liebenswürdigkeiten, immer das Typische im Handeln oder in der Beziehung zum Gegenüber erspürend und thematisierend. Schon lange begleiten sie also Bilder, in denen es um familiäre Fürsorge, um soziales Miteinander, um Bindungen und Verantwortung geht, nie das Wunderbare, aber auch das Schwierige oder Komische solcher Konstellationen aus dem Auge verlierend.

Ein menschlicher Lebensbereich, in dem sich all diese Qualitäten auf besondere Weise offenbaren und konzentriert zum Ausdruck kommen, ist die Musik bzw. das Musizieren. Im musikalischen Zusammenspiel steht das harmonische Miteinander an erster Stelle. Alle Beteiligten müssen aufeinander hören und aufeinander reagieren. Helene Mitter, die selbst kein Instrument spielt, übersetzt dieses musikalische Prinzip in ihren Bildern in ein komplexes Spiel von Formen und Farben. Zum einen zeigt sie die Musiker selbst, wie sie ihr Instrument beherrschen, oder von ihm beherrscht werden. Da gibt es den Saxophonspieler, der der Biegung seines Instruments folgt,

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die schlanke Flötistin, die in schräger Haltung antwortet oder der Bassist, der liebevoll sein bauchiges Instrument umgreift. So versunken ein jeder in sich selbst erscheint, wenn er mit geschlossenen Augen spielt oder singt, so klar wird der Bezug zu den Mitakteuren in den formalen Entsprechungen. Dort werden Bewegungen aufgegriffen, fortgeführt oder ergänzt.

Der Ort, an dem sich die Musiker begegnen, tritt dagegen zurück und bleibt überraschend unklar. Es ist kein perspektivischer Raum, der sich um sie herum öffnet, meist es ist ein roter Hintergrund, der als Farbraum alles umfängt. Unverkennbar die Vorliebe für Rot, eine Farbe, die Intensität und Vitalität verkörpert, die die Kraft der Musik aufnimmt und verstärkt. Farbe wird so für Helene Mitter nicht nur gestaltendes Element und Ausdrucksmittel für Empfindungen, sondern auch sehr direkt zum Energieträger.

Ich kann hier nicht weiter auf einzelne Werke eingehen. Allen gemeinsam ist die Freude farblichen Zusammenklang und ihre Fähigkeit, musikalische Ekstase und wortloses Verstehen zu verbildlichen. "Harmonie", "Smooth-Jazz", "Trio" oder "Jazz Night", alle diese Bilder hängen im oberen Stockwerk und warten dort auf ihren Einsatz.

Ein neues, unendlich großes und vielfältiges Terrain, in dem ebenfalls zwischenmenschliche Beziehungen im Fokus stehen, entdeckte Helene Mitter, als sie sich mit Situationen beschäftigte, die Betroffene vor ein Gericht oder zu einem Anwalt bringen. Anlass hierzu war nicht zuletzt das Angebot, in diesen Räumen auszustellen. Mitter richtete ihren Künstlerblick nun auf Zivilrecht und Strafrecht, griff dabei aktuelle gesellschaftliche Probleme auf, auch strittige Fragen der Zeit, wie sie in der heutigen Rechtsprechung ständig verhandelt werden. Das Drama des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche, Anfang dieses Jahres in allen Medien publik gemacht, drängte nach bildlicher Darstellung. Mitter versammelte "Im Brennpunkt", so der Titel der Arbeit, zwei Geistliche und die ihnen anvertrauten Buben, schamhaft und blass, vor dem Kloster Ettal, wobei das Skandalöse und Tragische der Situation in der Gestik, der Komposition und auch der Farbgebung ihren Ausdruck finden.

Im Mittelpunkt der hier erstmals vorgestellten Werkgruppe steht aber erneut das Thema Familie. Wieder geht es um gegenseitige Verantwortung, nun aber auch um rechtliche Komplikationen und Konsequenzen. Szenen, die auf den ersten Blick

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witzig und überzeichnet erscheinen, erweisen sich bei eingehender Betrachtung als anrührend und existentiell. Das Bild "Familie mit Rechten und Pflichten" zum Beispiel zeigt ein ernst dreinblickendes, farblich isoliertes altes Paar in der Mitte, umgeben von einer bunten Schar von Kindern und Enkeln. Wer wird sich um die Alten kümmern, wird es Streit geben?

Was verbirgt sich hinter dem "Ehevertrag", den eine junge Frau mit einem alten Mann schließt? Was bedeutet die Praxis einer DNA-Analyse für die schwangere junge Frau und die drei möglichen Väter? Wie ergeht es einer Frau mit zwei Kleinkindern, wenn sich ihr Mann einer anderen Frau zuwendet? Wie den Kindern nach einer Scheidung, wenn das Zuhause, die Eltern und die Geschwister geteilt und auseinandergeschnitten werden?

Helene Mitters Bilder regen an zu derartigen Fragen. Sie zeigen kleine, folgenschwere Episoden, dahinter Streit und Gewalt, deren Brisanz und Schärfe auch in der Darstellungsweise eine Entsprechung finden. Die Figuren sind skizzenhaft in der Zeichnung, manches Mal zugespitzt im Ausdruck fast bis zur Karikatur, grelle Farben (auch hier das Rot) dominieren in Fläche und Raum und erhöhen die atmosphärische Spannung, plakativ geteilte Bildflächen verweisen auf unversöhnlich getrennte Welten.

Helene Mitter sieht menschlichen Schwächen klar, auch die Schwierigkeit, Schuld, Recht und Unrecht zu klären. Sie klagt nicht an, sondern versucht in ihren Bildern, die Doppelbödigkeit, Scheinheiligkeit und Betroffenheit auf pointierte Weise zu visualisieren. .Doppelmoral" nennt sie ein Werk, das zwei Seiten eines Gesichts bzw. einer Wahrheit in einem Menschen vereint, im Kopf und im Bauch, "Meineid-Profi" zeigt eine Dame vor Gericht, deren Schwur hinter einer bemalten Fassade fraglich wird, und "Zeit zum Nachdenken" findet schließlich ein Sträfling im Gefängnis, wobei alle typischen Merkmale von der gestreiften Kleidung, dem vergitterten Fenster bis zu den Strichlisten an der Wand auf ironische Weise zitiert werden.

Sich in der bildenden Kunst mit Fragen von Lügen und Wahrheit, mit Recht und Strafe, mit Streit und Gewalt zu beschäftigen, ist eine besondere Herausforderung. Es geht hier ja nicht um eine Abbildung des Justizalltags in der Art eines Gerichtsreports oder einer Fernsehserie, auch nicht um Zeitungskarikaturen. Wohl der bekannteste Künstler, der Vorgänge vor Gericht und in der Justiz in aller Schärfe

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verfolgte und als zeitgenössische Satire in zahlreichen Lithographien von hohem künstlerischem Niveau ins Bild brachte, war Honoré Daumier, Sie alle kennen seine Blätter. Weitaus häufiger konzentrierten sich Künstler seit jeher auf die allegorische Darstellung der Gerechtigkeit, der Justitia, die in der Malerei ebenso wie in der Bildhauerei als Jungfrau mit Schale und Szepter, später mit Waage (abwägend) und Schwert (strafend) gezeigt wird. Meist sind ihr die Augen verbunden, bei Daumier gedacht als Spott auf eine mit Blindheit geschlagene Justiz. Erst später wurden die verbundenen Augen zum Symbol für die Unparteilichkeit der Rechtsprechung, für eine Rechtsprechung - "ohne Ansehen der Person".

Mitter zeigt diese Göttin der Gerechtigkeit traditionell mit Augenbinde, mit Waage und Schwert, aber in Gestalt einer modernen schlanken Frau in rotem Trägerkleid und kurzen Haaren, in einer leicht frivolen Haltung, wie man unterstellen könnte. Der Körper ist elegant geschwungen, die nackten Arme mit den Attributen diagonal ausgestreckt.

Suchte man nach einem Vorbild für diese Gestalt, so würde man vielleicht in der Justitiafigur des Gerechtigkeitsbrunnens in Frankfurt fündig, einer Standfigur aus dem frühen 17. Jahrhundert (1611 in Sandstein, erneuert als Bronze 1887). Mitters Figur befindet sich zwar nicht wie dort auf einer Brunnensäule inmitten der Stadt, doch auch sie wird genau beobachtet von den Augen der Öffentlichkeit: Neugierig, interessiert oder betroffen verfolgt eine anonyme Menge im blauen Hintergrund den Auftritt dieser Justitia.

Zum Schluss noch ein paar Worte des Strafrechtlers Peter Noll (1969), die vielleicht Kunst und juristischen Alltag in Verbindung bringen können:

"..Der Jurist darf weder im Himmel der Rechtsideale hängen noch am Boden der Faktizität kleben bleiben, sondern muss den Weg von oben nach unten und von unten nach oben dauernd zurücklegen, um zu überprüfen, ob die Ideale realitätsgerecht und ob die Realitäten idealitätsgerecht sind."

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir sind hier heute nicht bei einer Gerichtsverhandlung, Gott sei Dank, sondern bei einer Ausstellungseröffnung Genießen Sie die entspannte Atmosphäre mit Bildern und Bildgeschichten von Helene Mitter.

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Eröffnungsrede zur Ausstellung "Land und Leute"

 

Helene Mitter - „Land und Leute"                     Dr. Renate Miller-Gruber

 24.11.2004                                                        Kunsthistorikerin         

                                                                                                       

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Helene Mitter,

„Meine Gestalten sind weder auf irgendeinen ästhetischen Kanon festgelegt, noch sind sie Karikaturen; sie entgleiten jeder Formulierung, ich aber weiß um den Schaffenszwang, der hier unerbittlich am Werk ist. Ich sehe die Welt nicht etwa „so", sondern in seltsamen, wie halb wachen Augenblicken erspähe ich erstaunt diese Verwandlungen, die oft kaum spürbar sind, so dass sie im

Stadium des ersten Gewahrens selten klar geschaut werden, sondern erst allmählich tastend erwittert werden müssen." Dieses Bekenntnis stammt von Alfred Kubin aus dem Jahr 1933, es könnten aber auch Worte sein von Helene

Mitter, jener Künstlerin, die ich heute mit ihren Arbeiten zum Thema „Land und Leute" vorstellen möchte. Bleiben wir zuerst bei den Leuten: Helene Mitter hat für den Sitzungssaal der Augsburger Aktienbank eine Serie von 14 Bildnissen gemalt, die nun in einem Fries nebeneinander angeordnet sind. Die Bilder gleicher Größe zeigen höchst unterschiedliche Figuren, Männer und Frauen gemischt, in kräftigen Farben und ausdrucksstarkem Duktus festgehalten. Man mag zuerst an eine Reihe von Porträts denken, aber nur in wenigen Fällen dienten, wie die Malerin im Gespräch erläutert, reale Personen als Vorbild.

Mitter zeigt keine bestimmten Menschen, und dennoch bleiben diese erfundenen Personen nicht anonym: „Meine Leute haben einen Namen", erklärt Mitter. Es ist die Vertraulichkeit des Vornamens, die erkennen lässt, dass die Schöpferin ihre Figuren mit einem gewissen Wohlwollen und einer Liebenswürdigkeit betrachtet. Mitters Zusammenstellung zeigt Menschen, die Kunden der Bank sein könnten: Zweifellos Individualisten, keine Schönheiten, Menschen des Alltags, an denen das eine oder andere Merkmal überzeichnet, formal und farblich hervorgehoben scheint. In den expressiven Gesichtern treten

Charakterzüge deutlich hervor, und so kann man die Figuren als allgemeine typisierte Darstellungen verstehen: als „Der Hagere", „Der Skeptiker", „Der Nachdenkliche", „Der Erschrockene".

Helene Mitter ist eine genaue und interessierte Beobachterin ihrer Umwelt. Ist sie unterwegs, saugt sie Eindrücke von Menschen und Landschaften auf, fasziniert von deren Vitalität und Farbigkeit. In diesem Licht ist auch ihre

Darstellung der „Straßenmusikanten" zu sehen, jener drei bunten und lebendigen Figuren, die in ihre Musik vertieft den Mund zum Gesang geöffnet haben. Oder die drei Sängerinnen „A Capella", die eher traditionell gekleidet in weißen Blusen und gestreiften Röcken vor rotem Hintergrund stehen. Und schließlich die kleine Gruppe der „Ratschkatteln", die im Gespräch vertraulich einander zugewandt sind.

Der Ausdruck von zwischenmenschlichen Gefühlen gelingt Mitter auch in den verschiedenen Familienbildern. „Geborgenheit" ist jene Arbeit betitelt, in der sich ein kleines Kind an seine sitzende Großmutter schmiegt. Die Verbundenheit zeigt sich nicht nur in dem freundlichen Blick nach außen und der innigen Umarmung, sondern auch in der silhouettenhaften Zeichnung, die beide Figuren in ihrer Helligkeit vereint und der einen gelben Farbwolke, die sie beide durchdringt.

„Treue" dagegen schweißt ein älteres Paar zusammen: eng gedrängt sitzen sie nebeneinander, formal zu einem Block vereint. Als Quintessenz kann schließlich das „Familienbild" betrachtet werden, das die Mutter mit zwei Kindern in der Mitte, Vater und Schwiegermutter rahmend zu beiden Seiten vorstellt; farblich ist die stolze Figurengruppe eingebunden in einen roten

Hintergrund. In der Tradition des Familienfotos verkörpert sie ein Wunschbild, in dem die Idee von Zugehörigkeit und Beständigkeit, von Heimat und Tradition ihren Ausdruck findet. Schaut man sich dieses Gruppenbild an, werden die einzelnen Persönlichkeiten durchaus individuell charakterisiert, Eigenheiten sind markant überzogen und ein internes Beziehungsgeflecht von Dominanz und

Unterordnung wird erkennbar. In der künstlerischen Umsetzung Rillt eine fast kindliche Direktheit und Vereinfachung in der Zeichnung auf, dazu der expressive Einsatz der Farben und eine Leichtigkeit in der Aquarelltechnik. Der positive Gesamtentwurf offenbart zudem Mitgefühl und Sinn flir Komik, begleitet von einem Appell zur Wertschätzung und Achtung der Familie. Kaum zu spüren dagegen ist auch ein leiser tragischer Unterton.

Helene Mitter liebt Familienbilder, - im weiteren Sinn gehört auch die „Pastorale" dazu - es ist aber nicht die eigene Familie, die sie hier zeigt. Sie selbst wurde 1942 in Siebenbürgen geboren. Nach einem Studium für

Kunsterziehung war sie über zehn Jahre als Industriedesignerin tätig, seit 1980 als freischaffende Künstlerin. 1982 kam Helene Mitter mit ihrem Mann

Cornelius und dem Sohn Peter nach Augsburg, wo sie ihre Wahlheimat fand.

Seit vielen Jahren ist sie mit ihren Bildern auf Ausstellungen vertreten, auf den

Großen Schwäbischen Kunstausstellungen im Augsburger Zeughaus, auf den

Großen Nordschwäbischen Kunstausstellungen in Donauwörth, auf den Ausstellungen des Berufsverbandes Bildender Künstler, dem sie seit 1983 angehört. 1997 präsentierte sie ihre Werke in der Treppenhausgalerie von Kröll und Nill, 1999 im Fritz-Felsenstein-Haus in Königsbrunn und 2002 in den Räumen des Diakonissenkrankenhauses.

Mitter, die sich dem allgemeinen Rummel des Kulturbetriebs eher fernhält, hat ihr Atelier zu Hause in der Wohnung und dementsprechend sind ihre Bilder auch von kleinerem Format. Sie arbeitet viel in Aquarelltechnik: Als Bildträger verwendet sie dickes, handgeschöpftes Nepalpapier, das eine raue Oberfläche und unregelmäßige Ränder besitzt. Über eine erste Farbschicht wird zunächst weiß grundiert, danach mit Kohle oder Bleistift skizziert, was sich häufig aus dem Grund spielerisch und assoziativ entwickelt. Ist die Struktur gelegt und die Komposition umrissen, werden die Fläche mit Farbe gefüllt, übermalt, konturiert. So wachsen die Objekte und Figuren gleichsam aus der Fläche heraus und das Bild verdichtet sich zunehmend im Laufe des Arbeitsprozesses. Mal wird mit Kreide überzeichnet oder mit deckenden Acrylfarben, mal bleibt der weiße Grund unbedeckt.

Ganz ähnlich ist auch die Vorgehensweise bei der Arbeit auf Leinwand. Diese wird grundiert mit einer groben Spachtelmasse, so dass die Struktur sichtbar und fühlbar bleibt. Acrylfarben werden aufgetragen, oft in mehreren Schichten, Konturen gesetzt, Flächen betont, Linien eingeritzt. Dabei scheut die Künstlerin nicht vor kräftigen Farben und Effekten zurück. Gerne verwendet sie leuchtendes Rot und kräftiges Grün, kombiniert Blau mit Grün, setzt Lila neben Hellblau, kontrastiert schwarze Balken und weiße Flächen und lässt immer wieder ein starkes Königsblau leuchten.

Wenden wir uns damit den Landschaften zu, jener Werkgruppe, die hier in vielfältiger Weise vertreten ist. Wie schon erwähnt: Mitter ist eine sensible Beobachterin: Sie geht mit offenen Augen durch die Welt, sammelt und speichert Eindrücke. Sie malt aber nicht vor Ort, en pleinair, sondern holt ihre Bilder zu Hause aus der Erinnerung hervor. So sind auch die Landschaften keine Ansichten oder Porträts, sondern Nachempfindungen, in denen sie typische

Elemente der schwäbischen Umgebung einbringt und zusammenwachsen lässt.

Geradezu zum Symbol wird der Zwiebelturm, um den herum sie den ländlichen

Alltag gruppiert: Kleine Häuser mit ihren spitzen Giebeln und Dächern, flächige Äcker und Felder, runde Hügellinien und Kugelbäume, ein leuchtender Himmel in intensivem Licht. Es entstehen dichte Bilder, in denen je nach der farblichen Dominanz die wechselnden Stimmungen und Rhythmen auf dem Land zum Ausdruck kommen, auch ein zeitliches Moment im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten: „Regenzeit", „Arbeitstag", „Dämmerung", „Ruhezeit",

„Altweibersommer", „Vor dem Sturm" oder „Rapszeit" sind einige der Titel, die sie ihren Arbeiten gegeben hat. Formal und kompositorisch sind sie reich an Variationen: der Einsatz von geometrischen Grundformen wie Dreiecke, Vierecke und Kreisen ist locker und zugleich spannungsreich, manchmal fast abstrakt, die Beziehung von offener Flächengestaltung und der dynamischen Überarbeitung durch Linien wirkt kraftvoll und spontan, der Umgang mit den Farben oft leicht und spielerisch. Gerade in der Verwendung von reinen, leuchtenden Farben nebeneinander, kombiniert mit Weiß und Schwarz, zeigt sich ihre Freude an folkloristischer Direktheit ebenso wie auch die Tendenz zu Expressivität und den Drang nach künstlerischer Freiheit. So mag es nicht verwundern, dass ihre malerischen Traditionen im Expressionismus zu finden sind, wo Künstler wie James Ensor, Gabriele Münter, Alexej Jawlensky, Karl Schmitt-Rottluff oder Egon Schiele in Landschaften und Figurenbildern ihrem Innersten in dramatischer formaler Steigerung Ausdruck verliehen.

Ob Land oder Leute, Helene Mitters Arbeiten befassen sich mit universellen

Themen. Weder die eigene Person noch das reale Abbild von Figuren und

Landschaften scheinen ihr wichtig und darstellungswürdig. Indem sie die Realität filtert und neu schafft, die Welt mit Liebe und Humor betrachtet, indem sie, wie sie es nennt, „verrückte Bilder" malt, kreiert sie Typen, die durch das Phantastische sprechen, verleiht sie Ideen und Idealen Ausdruck. So wenig erzählerisch und persönlich ihre Werke erscheinen sollen, sind sie — gerade in diesem Kontrast - sehr wohl ein tiefer Ausdruck des eigenen Schicksals und als Gegenwelt zur Realität, als Entlastung der Seele und als Notwendigkeit zu verstehen. (Insofern nähert sie sich dem Expressionismus nicht nur in formaler sondern auch in inhaltlichen Richtung.)

Lassen Sie mich meine Ausführungen beenden, indem ich nochmals auf Alfred Kubin zurückgreife. „Das Wesentliche über die bildende Kunst lässt sich niemals in Worten ausdrücken". In diesem Sinne kann ich Sie nur auffordern, sich die Bilder anzuschauen und das Wesentliche in ihnen zu spüren.